Es lebe die Narrenfreiheit!

von Martin A. Ciesielski

„Revolution lässt sich demnach mit dem [post-]modernen Menschen praktisch nicht mehr machen. Gegen alles und nichts aufbegehrend, hat er das Recht verloren, sich gegen irgend etwas zu erheben. […] Die Satire mag noch so verrückt und anarchisch sein, sie setzt voraus, dass man in bestimmten Dingen über das bessere Wissen verfügt, dass man ein Normbewusstsein mitbringt.“ G. K. Chesterton

Wer sich dieser Tage mit Böhmermann solidarisiert, sollte diesen Text nicht weiterlesen. Parce que je ne suis pas Böhmermann. Und auch nicht Charlie. Nein. Ich möchte niemand anderes sein, als ich. Ja, je suis Martin Ciesielski.
Wenn, dann möchte ich in diesem Text über mich lachen. Meine Naivität. Meine Leichtgläubigkeit. Mein Besserwissen. Meine Dummheit. Aber nicht über die Werte, die ich hier vertreten möchte. Nein, über die möchte ich nicht lachen. Diese sind mir ernst und wichtig. Sehr ernst. Und Ernsthaftigkeit braucht leider mehr als 140 Zeichen. [1]

Es scheint schon eine Weile in mir gegoren zu haben. Nun ist es geschehen. Es muss raus. All die Gespräche mit Freunden und Bekannten über die vergangenen Jahre, die ein Höchstmaß an Zynismus haben durchblicken lassen. Zynismus darüber, dass man sich selbst nicht einmal mehr etwas wert ist. Das entsprechende Smartphone muss es schon sein, den Rest bitte billig. Auch ich selbst fühle mich doch am Ende billig. Gebraucht. Missbraucht. Gefickt, wie Böhmi es wohl sagen würde. Das Einfamilienhaus. Frisch gebaut mit dem Zement aus Sandstrand von den Malediven, wo man sich im Urlaub über die Islamisten wundert. Oder auch nicht.

Wir sind es doch, die so sehr auf der Suche sind. Fliehen in die Yogakurse, auf´s Land, Unter Leuten. Aber auch da treffen wir immer wieder nur: auf uns. Wir hypen die neue App auf unseren Geräten, als wenn es kein Morgen mehr gäbe. Wir erklären uns solidarisch mit den Franzosen, während in Afrika, Pakistan und so vielen anderen Ländern weiterhin Menschen tagtäglich in die Luft gesprengt und in Stücke geschossen werden. Mit deutschen Waffen. Für unseren Export. Für unsere Horror-Idylle.

Vor ein paar Wochen war ich zum ersten Mal in der Notunterkunft im Tempelhofer Flughafen. Dort hatte ich die Gelegenheit, Menschen zu begegnen, die kraftvoller waren, die sich verletzlicher und offener gaben, als so viele andere, denen ich in den letzten Jahren hier in Deutschland, hier in Berlin begegnet bin. Geschichten habe ich gehört. Geschichten, die mich so sehr berührt haben, wie selten etwas, das ich in meinem Leben erlebt habe.

Das ist es wohl auch, was die Menschen davon abhält, sich auf die geflohenen Menschen einzulassen. Die Angst vor dieser Intensität. Die Intensität, die sich Lebendigkeit nennt. Der Wunsch, zu leben. Während wir zombifiziert die entsprechenden Serien im Fernsehen glotzen. Die Unberechenbarkeit des Menschlichen kommt mit den geflohenen Menschen mit einer Wucht daher, wie wir sie nicht mehr kennen. Abgestumpft im vermeintlichen Wohlstand, irgendwo im 3D-Erlebniscenter, der Shoppingmall und dem stumpfen Kreativjob. Oder dem prekären Arbeitsplatz mit gläserner Decke, wo wir uns verloren haben. Freizeit ist von normaler Arbeit doch kaum mehr zu unterscheiden. Preise werden verglichen, Moden müssen verstanden und mitgemacht werden, die entsprechenden Plattformen bekannt und professionell gepflegt sein.

Wo sind denn hier die Werte, die es zu verteidigen gilt? Wo? Was gibt denn die Satire hier vor zu schützen? Wenn Satire alles darf, ist dann womöglich alles Satire? Das Leben ein einziger Witz? Die Bevölkerung muss immer mehr Opfer auf dem Altar der Wirtschaftsgöttin darbringen, sonst bricht die Welt zusammen. Während wir also anderen vorwerfen, die heiligen Opfertiere zu ficken, lassen wir uns selber ficken und opfern uns selbst und andere Menschen in den Sweatshops dieser Welt. Der Witz? Die Pointe? Sorry, es gibt keine.

Der Narr lief immer schon Gefahr, vom König geköpft zu werden. Auch wenn es womöglich von einem anderen Staatsoberhaupt eingefordert wurde. Das ist das Schicksal des Narren. Er oder sie sollte darüber nicht traurig sein. Höre ich da nun Worte, dass wir heute in einer zivilisierten Gesellschaft leben? Dass wir mit Kritikern nicht so verfahren wie diese rückständigen Länder, die sich anmaßen, uns zu kritisieren? Türkei? China? Was dürfen die uns sagen? Was können die denn von uns verlangen? Das wir unsere Narren für sie einen Kopf kürzer machen? Soweit kommt es noch!

Ihrer Bevölkerung können die Fabriken über den Köpfen einstürzen. Diese anonymen Massen, deren Meinungen wir nicht einmal für eine Sekunde gehört haben. Deren Gedanken, deren Poesie, deren Geschichten und Witze. Tausende von Menschen. Millionen von Menschen über die vergangenen Jahrhunderte hinweg. Tot. Für die Rendite unserer Altersvorsorge oder den Billigpulli. Aber die Plattheiten unserer Fernsehnarren, die wollen wir verteidigt wissen!

Was wissen wir denn wirklich über das Leben in der Türkei? In China? Mit Verlaub: wir wissen nicht einmal, wie wir hier leben wollen. Was für einen Sinn unser eigenes Leben hat. Das soll für die anderen erstrebenswert sein?
Wie leicht fällt es uns da, uns mit den bösen Leben der anderen abzulenken. Aber was ist mit den schönen, guten, wahren Leben der anderen? Vielleicht sollten wir uns diese einmal anschauen. Im Libanon. In Syrien. In der Türkei. In China.

Vor ein paar Jahren stieß ich auf das Werk des chinesischen Philosophen Zhuangzi. Er lebte 500 Jahre vor Christus und hatte mir mehr über das Leben und dessen Werte zu erzählen, als jeder penetrante Standup Comedian, der sich anmaßt, seinen Schmerz auf das Publikum zu projizieren. Zhuangzi hat Witz. Humor. Und Weisheit. Klugheit. Maß. Er erzählt Geschichten. Mit Würde. Und mit Ehrfurcht vor dem Wunder des Lebens. Jedes Lebens. Auch dem der anderen. Denen, die ihren Weg noch nicht gefunden haben. Ein Narr.
Ein chinesischer Freund erzählte mir vor kurzem, dass die alten Philosophen in China gerade wieder entdeckt werden. Dass das Geld als alleiniger Lebenssinn auch dort zunehmend fragwürdig erscheint. Auch alles, was sich mit Geld kaufen lässt…

In der Türkei gibt es einen anderen weisen und witzigen Narren. Mulla Nasrudin. Bei vielen türkischen Intellektuellen nicht so hoch angesehen, da es sich bei ihm um Geschichten handelt, die eher Kindern erzählt werden. Oder auf dem Land. Dennoch steckt viel Witz und Wahrheit in den Schelmereien dieses Narren. Vielleicht auch gerade deshalb.
Apropos Türkei. Eine der wundervollsten Erfahrungen im meinem Leben habe ich in Istanbul gemacht: Ich habe dort Improvisationstheater spielen dürfen. Vor türkischem Publikum. Mit keinem Wort Türkisch. Unzensiert. Spontan.

Ja. Dies gilt es zu verteidigen. Durch die eigene Bevölkerung des Landes. Manchmal womöglich auch durch Druck ausländischer Regierungen. Aber diese Länder sollten Vorbild sein. In Anstand und Würde. In Ihren Künsten. In Ihrer Politik. In Ihrer Narrenfreiheit. Erkan nicht alles, liebe Freunde von extra 3. Auch Satire braucht Grenzen. Sonst wird sie beliebig. Sonst erfolgt sie aus einer Leere heraus. Ohne Haltung. Ohne Werte, die sie verteidigt. Ja, Satire kann angreifen. Sie sollte angreifen. Aber sie sollte auch etwas zu verteidigen haben. Ein menschliches Verhalten. Was habe ich von einem doppelten Rittberger der Fernsehsatire, mit dem ich mich selbst aus der Verantwortung stehle? Macht euch selbst euren Reim! Ich bin dann mal raus und hinterlasse auch den Scherbenhaufen! Ich vermute, das waren stets die Narren, die vom König auch geköpft wurden. Nicht weil sie die Wahrheit sprachen. Sondern weil sie schlecht waren. Keine Ideale hatten. Für nichts standen. Dann wurden sie austauschbar.

Aber wieso haben wir in diesen Tagen den Humor der Joko und Klaase? Der Böhmermanns? Es ist der smarte Witz des Understatements. Ohne es besser zu wissen. Ein gespielter Meta-Witz. „Wir kennen die Mechanismen! Wir wissen auf der medialen Erregungsklaviatur zu spielen!“. Darüber hinaus gibt es nichts zu sagen. Nihilismus. Freunde schlagen, Schnecken essen. „Natürlich wissen wir, dass das nicht die gesellschaftliche Norm ist!“ Die Norm ist dort, wo Freunde nicht aus dem Hubschrauber gestoßen werden und wo das saftige Steak auf dem Teller liegt. Aber damit bewegen wir uns keinen Schritt vorwärts. Status Quo. Danke für die Erkenntnis, ihr Möchtegern-Narren!

Sollten gute Narren nicht auch einen Weg nach vorne aufzeigen? Wo kann die Reise hingehen? Was gilt es anzustreben?

Für die geflohenen Menschen kam ich zum Schluss, dass diese sich nach einer Zukunft sehnen. Für sie gibt es etwas, dass es noch zu erreichen gibt. Wie steht es mit uns? Haben wir nicht Angst vor der Zukunft? Brauchen wir deshalb unsere Art der Satire, die uns vergewissert, dass wir so richtig sind, wie wir sind? Wir wollen uns nicht verändern. Vor allem nicht verändern lassen. Nicht von den Umständen, nicht vom Klima, nicht von geflohenen Menschen und von anderen Regierungen schon gar nicht. Es ist alles gut wie es ist. Lasst uns in Ruhe in unserer lustigen Lethargie!

Geht weg! Zieht weiter ihr Veränderungen, ihr Abschwünge, ihr Wertefragen und -diskussionen! Bleibt bei den Griechen! Den Spaniern! Den Chinesen! Den Türken! Aber fordert uns nicht in unseren unklaren Werten heraus! Lasst uns unsere Illusionen! Wir…wollen…unsere Herzen nicht für euch öffnen! Einmal Willkommenskultur und zurück.

Wie wollen unsere Herzen ja nicht einmal für uns selbst dauerhaft öffnen! Wir wollen uns nicht unsere Verletzlichkeiten eingestehen! Unsere Zerbrechlichkeiten! Unsere Endlichkeiten!

Daher fügen wir lieber anderen Schmerzen zu (Achtung! Hinweis! Das darf Satire nicht! Wenn wir das sagen würden, ist das keine Satire mehr! Wenn wir das: „…….“ sagen würden….aber das tun wir ja nicht.“)

Wie wäre es mit einem medialen Erregungszustand über gemeinschaftlichen Anstand? Klingt dröge. Langweilig. Voll unlustig.

Ich gehe jetzt meinen chinesischen Philosophen lesen. Lasse mein Herz öffnen. Bei lebendigem Leibe. Für die Freiheit des Herzens! Für die Freiheit, nicht zwischen Produkten wählen zu müssen!

Ja, ich verlange von mir ein hohes Maß an (Narren-)Freiheit! Auf das ich mich mit dieser Narretei verletzbar gemacht habe…

„Eines Tages entdecke ich, dass ich auf der Welt bin, und gestehe mir nur ein einziges Recht zu: vom anderen ein menschliches Verhalten zu verlangen.“ Frantz Fanon

„Wer nicht zulässt, dass sein Herz weich wird, bezahlt das mit Hirnerweichung.“ G.K. Chesterton

 

[1] Deshalb ja auch Instagram. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, nicht wahr? Dann zeichnet bitte jetzt den Satz „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Viel Spaß!

 

27. Gefuehl, fuer das es keinen Namen gibt

27. „Die Begeisterung über den fetten Sound des Achtzylinders.“

Ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto.Bis es Brrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrm
macht. Dann wird es zum Tier, zum rasenden, wilden, sich kraftvoll gebärdenden animal animalis. Ein brennendes Gebrühl voll Geruch und Kraft, das sich seinen Weg bahnt.

Durch die Luft kracht es in unser Gehör, vibriert dort in einem fort hindurch durch unseren Körper und lässt uns erstarren und erzittern zugleich – in Ehrfurcht vor dem, wozu der Mensch fähig ist. In Ehrfucht vor dem Ungetüm, das in uns hineinspringen kann. Jederzeit. Von überall. Es zerfetzt unser Wissen darüber, dass es nur eine Maschine ist, nein, es ist ein Moloch, eine Kreatur, ein Zerberus, emporgekrochen aus der Hölle eines Hirns, das sich siedend heiß brodelnd dazu berufen sah, ein lebendige Wesen aus Stahl und Benzin zu schaffen, ein Wesen, das zu uns stößt als ein Gefährte, dem wir nur misstrauen können. Ein Gefährte, der uns aus seinen heimtückischen Raubtieraugen anstrahlt und uns beäugt, ob wir ihm wohlgesonnen sind. Wir müssen es sein, sonst würden wir niemals Einlass bekommen – nachdem uns das berserkerhafte Gebrüll durch Mark und Bein gefetzt ist, sind wir nun dazu auserkoren unsererseits hineinzusteigen. Uns hineinfallen zu lassen. Es umschließt uns. Es heißt uns willkommen. Es verharrt. Sekunden. Dann brüllt es erneut auf und reißt uns mit sich. Hinfort. Weg. Schneller, immer schneller brüllt es sich seinen Weg frei und dabei ist

ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto ist ein Auto.

812. Gefuehl, fuer das es keinen Namen gibt

812. „Der Stolz, vor seinem Lieblingsonkel wie Bolle angeben zu können.“

„Ich hab´s mir gekauft!“

„Tatsächlich?“

„Ja!“

„Und?“

„Ist so cool, wie ich es mir gedacht habe. Schau mal…“

„Wow! Das sieht ja richtig echt aus!“

„Ja! Nichts? Ich dachte auch: Das ist ja der Hammer! Das beste ist, man kann sich noch fünf andere dazu laden.“

„Sehen die alle so ungkaublich gut aus?“

„Oh ja! Mir persönlich geällt ja die Rothaarige am besten!“

„War ja klar.“

„Hihihi – nicht was Du denkst. Ich finde, bei Ihr haben Sie diese Mandelaugen einfach unglaublich gut hingekriegt!“

„Aber man kann es ganz normal durchblättern, wie ein richtiges Heft?!“

„Ja. Nur, dass die Bilder halt animiert sind.“

„Wahnsinn, was heutzutage so alles geht…“

„Männer gibt es auch.“

„Ach?“

„Ja. Soll ich dir mal zeigen…?“

„Och ja…“

Beide verlassen den Raum.

7. Gefuehl, fuer das es keinen Namen gibt

7. „Die Geborgenheit, wenn du krank im Bett liegst und sie dich alle von hinten bis vorne betüteln und bemitleiden.“

Die große Erlaubnis. Der Freibrief.
Das Nichts-Tun ohne schlechtem Gewissen.Die Comic-Hefte und Schokoladen.
Die Tees und weichen Kissen.

Die Wadenwickel und nassen Lappen
auf der Stirn und im Genick,
die Hühnersuppen und knappen
Worte.
die es zu wechseln gilt.

Nichts tun, nichts reden, nichts machen.So fühlt es sich an.
Das Leben.

Wann?

Wenn man krank ist,wie kurios.

Wieso nur dann?
Furios

wütet der Leistungswahn, das Terror-Tun,das Machen-müssen und erledigt haben.

Das „das noch und das“ und dann noch dieses,
auch wenn es nicht wichtig ist,
wie fieses
Treiben treibt uns das Treiben ins Mehr hinaus,
wo wir vor Seegang krank zurück in den Hafen
taumeln und hier und da und dort
zu Boden sinken

an einen Ort,
wo wir noch Leben.

Im Krankenbett.
Wie nett.

Schneller als gedacht am Ziel

Kann ein Link wirklich leben?

Die verantwortlichen Stadt-, Straßen und Namensplaner in Berlin haben sich klar und eindeutig in diesen Tagen entschieden : Natürlich nicht!

Wie ist es sonst zu erklären, dass es bereits zu Lebzeiten (!) eine Straße gibt, die nach mir benannt wurde?

Aber seis drum, ich habe mich natürlich riesig gefreut, zumal ich ja auch in einer sehr angenehmen Gesellschaft (ab)hänge –

man beachte den Namen der abgehenden Gasse:

Ja, die Verantwortlichen in Berlin wissen, was sie tun.

Verzweigte Geschichten brauchen Richtungsweiser – sonst verliert man womöglich die Orientierung!

Ein Hoch auf die Hyperlinks der realen Welt! Die Wegweiser des Nicht-Virtuellen!